Profi-Regie seit über 25 Jahren – die Basis des Erfolgs

„Edi, bitte ruf uns dringend an. Theatergruppe Friesenberg“. So oder so ähnlich dürfte der Wortlaut auf kleinen Zettelchen gelautet haben, die 1995 in sämtlichen Bars und Beizen im Quartier verteilt wurden. Was war geschehen?

Die Theatergruppe Friesenberg befand sich mit ihrer Produktion von Alles uf Chrankeschii einen Monat vor der Premiere. Doch die Proben liefen schlecht. Die Wahl des Regisseurs erwies sich als fataler Fehlgriff. Es drohten blamable Aufführungen. Die letzte Chance der Friesenberger: Edi Huber. Mit dem Profi-Regisseur arbeitete die Truppe bereits 1992 erfolgreich zusammen. Die Spieler waren sich einig: Wenn einer die Premiere retten kann, dann war es er. Doch der ehemalige Profi-Schauspieler hatte keinen festen Wohnsitz in der Schweiz und war nicht aufzufinden – bis ihn jemand zufälligerweise in einer Beiz sah.

Da war es an der Zeit, zu unorthodoxen Mitteln zu greifen und die besagten Zettelchen zu verteilen. Mit Erfolg. Einen halben Tag später klingelte das Telefon.

Nach einiger Überzeugungsarbeit sagte Edi zu, die Regie zu übernehmen. Auch wenn er selbst nicht an einen Erfolg der Produktion glaubte. Seine einzige Bedingung: Im Programmheft soll sein Name nicht erwähnt werden. Aus diesem Grund findet man heute in den Aufzeichnungen zu jener Produktion aus dem Jahr 1995 unter dem Vermerk Regie das Pseudonym „Edi Helfer“. Und mit Edi dem Helfer konnte die Produktion dennoch erfolgreich über die Bühne gehen.

Herausforderung Regie

Mit der Gründung der Theatergruppe Friesenberg im Jahr 1946 war es Leo Seidl, der in den 23 Jahren seines Schaffens nicht nur selber auf der Bühne stand, sondern auch die Funktion des Regisseurs ausübte. Dies änderte sich 1976 mit der Neugründung des Vereins. Fortan galt es, für jedes inszenierte Theaterstück nicht nur die passende Besetzung auf der Bühne zu finden, sondern auch eine geeignete Regie.

In den ersten Jahren der neuen Ära übernahmen eigene Mitglieder wie Fredy Bont oder Judith Pauli diese wichtige Funktion. In den 80er-Jahren konnte man den Regisseur Hansruedi Herrmann für dieses Amt gewinnen sowie für einzelne Produktionen auch weitere Regisseure, die von anderen Theatergruppen und vom Zentralverband Schweizer Volkstheater (ZSV) empfohlen wurden – doch nicht immer mit dem gewünschten Erfolg.

Edi Huber übernimmt Regie

Regisseur und Schauspieler Edi Huber (* 14. Februar 1927; † 16. August 2016)

Dies änderte sich erst ab 1995, als Edi Huber dann bei der Theatergruppe Friesenberg fix die Rolle des Regisseurs übernahm. Damit war der Grundstein des grossen Erfolgs der Theatergruppe Friesenberg gelegt. In den Berichterstattungen mit den lokalen Medien betonte er immer wieder, wie viel Spass es ihm mache, mit Nicht-Profis zusammenzuarbeiten. Und stets korrigierte er die Journalisten, wenn sie von Laiendarstellern sprachen. „Das sind keine Laien, das sind Amateure“, pflegte er jeweils zu sagen. „Laien laufen so.“ Und dann zeigte er den typischen hölzernen Gang vor, den er auf der Bühne auf keinen Fall sehen wollte. Genauso wichtig, wenn nicht sogar am wichtigsten, war Edi stets das Sprachliche. Falsche Betonung korrigierte er, wenn es sein musste, hunderte Male. Immer wieder wies er seine Schützlinge an, laut und deutlich zu sprechen, so dass auch die Zuschauer in der hintersten Reihe verstehen, um was es geht.

Als Beispiel seien nachfolgend ein paar Auszüge aus dem Standard-Vokabular des Edi Huber aufgeführt. „Da muesch es Zäsürli mache“; „Es heisst verschide behandle, nöd verschide behandle“ (die Wörter sind austauschbar und können auf jeden beliebigen Text angepasst werden); „Han nüt verstande“; „Nöd umegwaggle“; „Kei Grimasse mache, das gseht laiehaft us“; „Das ganzi muess läbe, nöd eifach dä Text abeläse“; „Nöd mit dä Händ umefuchtle, ganz ruhig stah bliibe“; „Das ganzi gaht mir jetzt z’gschnell“; „Chömed, Lüüt, spiled Theater“. Diese Sätze gehörten zur Probe dazu, wie das Reiheli Schoggi und das Fläschchen Cola, dass er zur Stärkung jeweils dabei hatte.

2015, im stolzen Alter von 88 Jahren, führte Edi Huber das letzte Mal Regie bei der TGF. „Drei Männer im Schnee“ wurde, wie alle seine Inszenierungen, zu einem grossen Erfolg. Nach über fünf Jahrzehnten auf den Brettern, die die Welt bedeuten, nahm Edi Huber am 28. März 2015 Abschied von der Bühne. Das Publikum dankte ihm mit grossem Applaus und einer Standing Ovation für diese lange Karriere.

Regie-Casting

Regisseurinnen Giannina Masüger (2016 bis 2018)

Nach dem Rücktritt von Edi Huber war für die Theatergruppe klar, dass man auch zukünftig mit einer professionellen Regie zusammenarbeiten will. Schliesslich hatten die vergangenen 20 Jahre gezeigt: Eine professionelle Regie ist die Basis des Erfolgs.

Nach einem Casting entschied sich der Vorstand für Giannina Masüger. Die junge Zugerin setzte in ihrer Regie einen Fokus auf die Rollenentwicklung. Zusammen mit den Schauspielern arbeitete sie die Ausprägung der Rollen aus. Dies half gerade neuen Spielerinnen und Spielern, ihre Rolle mit Leben zu füllen. Der Erfolg gab ihr Recht. Auch ihre drei Inszenierungen in den Jahren 2016 (Säg doch eifach ja!), 2017 (Mord on Backstage) und 2018 (Traumhochziit) kamen beim Publikum sehr gut an.

2018 bekam Giannina Masüger die Möglichkeit, das Theater im Burgbachkeller in Zug zu leiten. Deshalb musste sie ihr Engagement im Friesenberg beenden.

Wiederum führte der Vorstand ein Casting durch. Und wiederum bewies er bei der Wahl ein glückliches Händchen.

Regisseurinnen Brigitte Schmidlin (seit 2019)

Mit Brigitte Schmidlin konnte eine erfahrene Schauspielerin und Regisseurin gewonnen werden. Selbst stand sie bereits mit Schauspielgrössen wie Walter Andreas Müller oder Hanna Scheuring auf der Bühne. Ihre langjährige Erfahrung und ihr präzises Gespür für Komik und Pointen hat die Theatergruppe erneut einen Schritt nach vorne gebracht. Gleich zweimal in Folge inszenierte sie 2019 (Wie wär's mit Tee?) und 2020 (Häsch en Vogel?) eine Uraufführung.

Als Highlight ihrer Premierensaison ist sicher die Nomination der Theatergruppe Friesenberg beim 1. Volkstheaterfestival der Schweiz 2019 in Meiringen zu erwähnen.

Mit „Wie wär’s mit Tee?“ begeisterte das Ensemble nach dem Saal der reformierten Kirche Friesenberg auch die umgebaute Tramhalle in Meiringen – und nahm eine der begehrten Auszeichnungen mit nach Hause.

Die Theatergruppe Friesenberg gehört damit zu den besten Theatergruppen der Schweiz. Etwas, das man 1995 einen Monat vor der ominösen Premiere nicht zu träumen gewagt hatte. Zum Glück hatte man damals ein paar Zettelchen zur Hand.