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Reisebericht 2005

Reiseziel: Biel, Jura, St.-Imier, Chasseral, Asphalt-Minen La Presta
Datum: 3. und 4. September 2005
Organisation: Jeanine Erni und Jürg Waeber
Reisebericht: Alexander Schatt
Fotos: Hans Pache
Links: Wildwest-Zugüberfall im Jura
Chemins de fer du Jura
Chasseral
Asphalt-Mine La Presta
Val de Travers
Zusatzinformationen: Reisebericht (PDF)
Moderne Märchen (PDF)
Ortschaften gesucht (PDF)

 

Zuhause, Samstag, kurz nach 7 Uhr morgens

Die vierte Nacht mit nicht mehr als 5 Stunden Schlaf hintereinander. Und trotzdem muss ich knapp nach 6 Uhr aus den Federn. Das erste Mal kommen mir Zweifel auf. Wieso soll ich nicht noch einmal das Kissen umdrehen und ein paar Stunden wohlverdienten Schlafes geniessen? Leider kommt es noch dicker: Wagemutig habe ich Jeanine, der einen Hälfte des Organisationskomitees, mitgeteilt, dass ich dieses Jahr den Reisebericht schreiben würde. Was bedeutet, dass das Notizbüchlein immer schön gezückt sein sollte und brav notiert wird, was in der Gruppe so vor sich geht (bei meinem Spatzenhirn leider unumgänglich). Ich seufze einmal ganz laut und selbstbemitleidenswert, hieve mich aus meiner Bettstatt und wanke Richtung Dusche.

Danach geht alles ruckzuck. Wie vor Ausflügen oder Ferien üblich werden noch in letzter Minute Socken gebügelt, Ovo-Sport abgezählt und Taschen gepackt. Knapp erwische ich den Bus zum Bahnhof und von dort die S7 nach Zürich HB.

Im Zug sitzen bereits erstaunlich viele Passagiere. Die meisten sind wohl auf dem Weg zur Arbeit, denke ich mir. Ein paar wenige Senioren, mit Stöcken, roten Socken und Hochwasserhosen bewaffnet, haben Fensterplätze ergattert und sind voller Vorfreude auf Pilatus und Ballenberg.

Zürich HB, Treffpunkt, kurz vor 8 Uhr

Hier haben sie sich bereits eingefunden, meine Theaterkollegen. Ich beginne, die eine oder andere Wange zu küssen und Hände zu schütteln. Besonders ins Auge stechen mir Jeanine und Jürg (den ich von diesem Zeitpunkt an aufsässig „Tschüge“ nenne), die nach Wild West-Manier verkleidet sind. Einem Siedler-Treck gleich verschieben wir in Richtung Perron, wo wir dann nach längerem Hin und Her entscheiden, in welchem Sektor wir einsteigen sollen. Wohin der Höllentrip jedoch gehen soll, wissen nur die beiden Organisatoren.

Im Zug, 8 Uhr 31

Obwohl vorausschauend Plätze für alle 33 (Indianer-)Nasen reserviert wurden, müssen wir um unsere Sitzgelegenheiten kämpfen. Tschüge beschwert sich beim Kondukteur und wird schnoddrig abgekanzelt. Flugs gräbt unser Chef-Cowboy ein Kriegsbeil aus und bedroht die Schweizerischen Bundesbahnen mit Blutrache.

Fränzi, unser Kosmetik-Engel, eilt durch die Gänge und bemalt die Wangen der TGFler mit drolligen Gesichtsfarben, so wie es sich für einen Indianerstamm vom Friesenberg gehört. Jeanine verteilt zusätzlich Pfadibändel, die mit rätselhaften Namensschildern versehen sind. Ich staune ob meiner Bezeichnung („Hustender Fisch“). Andere scheinen es besser getroffen zu haben, Reini zum Beispiel wird als „Grosser Techniker“ betitelt. Na ja, dafür muss Thomas mit „Der kleine Bruder des grossen Technikers“ Vorlieb nehmen.

Ein paar Minuten später verteilt Jeanine vulgo Crazy Horse Stoffsäckchen mit Spielgeld. Ich halte mich zurück und frage nicht, welcher Berghütten-Vorhang für die Säcklein herhalten musste. Welche Bewandtnis es mit dem Geldbeutel auf sich hat, ist uns Unwissenden noch nicht klar. Aber dies soll sich bald ändern…

Immer noch im Zug, Richtung Biel, kurz vor 9 Uhr

Bereits meldet sich der erste Hunger und Durst. Ausgewogene Ernährung steht auch am heutigen Tag auf dem Programm: Red Bull, Gipfeli, Orangensaft und Chips werden genuss- und geräuschvoll verzehrt. Zwischenzeitlich wird eine Namensliste herumgereicht, man solle sich für eine Variante des Abendessens (Rahmgeschnetzeltes oder Fondue) eintragen. Salomé und ich entscheiden uns als erste auf der Liste für Fondue. Die Käsesuppen-Saison sei hiermit eröffnet. Ein zusätzliches Kreuzchen soll jedoch noch gesetzt werden: Dasjenige für eine mörderische Wanderung durch unwirtliches Gebiet und über 800 Höhenmeter. Wer dabei sein will, solle sich jetzt schon anmelden. Ich kämpfe mit einem Entschluss und wäge Pro und Kontra ab – lasse dann aber Vernunft walten und entscheide mich gegen den Höllenspaziergang und für einen geruhsamen Vesper.

Die weitere Zugsreise wird von mehreren Umstiegen unterbrochen. Das erste Mal halten wir in Biel, von dort geht es weiter nach Delémont, danach mit einem Regionalbummler nach Glovelier, einem Kaff im tiefsten Kanton Jura. Dort wartet er auch schon, der niedliche Nostalgiezug „Belle Epoque“ der „Chemin de fer du Jura“. Nachdem alle ihre Sitzplätze auf den nostalgisch-harten Sitzbänken eingenommen haben (ein paar ganz Wagemutige machen sich einen Sport daraus, die Fahrt am hinteren offenen Ende des Zuges zu absolvieren), fährt die rote Eisenbahn nach ein paar Minuten ab.

Glovelier – Bollement, vormittags

In Bollement, einer kleinen Haltestelle mitten in der lieblichen Abgeschiedenheit der Jurassischen Freiberge, wird die Lok umgehängt. Ein Spektakel, das viele fotografisch festhalten wollen. Erneut stellt sich Hunger und Durst ein, und Jeanine und Tschüge servieren kühlen Weisswein, Orangensaft, Käse, Semmeli und Apérogebäck. Ati und Päde, unsere zwei Geburtstagskinder, erhalten von der Theatergruppe Gutscheine für Auto-Fahrstunden ausgehändigt. Die beiden Junglenker werden dafür besorgt sein, unsere Strassen noch ein wenig unsicherer zu machen. Die Zug-Kulisse wird für Gruppenfotos genutzt (wobei sich ein paar ungenannt bleibende Teilnehmer mit Getränken vollsabbern), und kurz danach geht die Fahrt auch schon wieder weiter.

Bollement – Signelégier, um die Mittagszeit

Wir befinden uns in voller Fahrt, als wie aus dem Nichts auf der linken Seite eine Reitergruppe auftaucht und wild um sich schiessend neben uns her reitet. Obwohl die Wüstlinge vermummt sind, können zwei Frauen und ein Mann ausgemacht werden. Sie zwingen den Lokführer unter Waffengewalt und Androhung physischer (und – falls nötig – psychischer) Gewalt kurzerhand, den Zug anzuhalten, was dieser auch sofort tut. Die Reisegruppe beobachtet die Szene aus den Fenstern lehnend, staunend und verängstigt. Einer der Outlaws – ein Weibsbild - besteigt den Zug, offensichtlich nach einer bestimmten Person suchend. In der Hand hält die Reiterin einen Steckbrief – Fränzi Bühler wird gesucht! 10'000 Dollar sind auf ihren Kopf ausgesetzt. Kurzerhand wird unsere Puder-Fee nach draussen verschleppt und auf einen Gaul gesetzt. Doch damit nicht genug, zu ihr gesellen sich auch noch Arno „Alte Socke“ Baldinger und Päde „Späde vom Päde sim Späde“ Imhof. Obwohl ich unter Todesgefahr der Reitergruppe nachstelle und unterwegs von Klapperschlangen und Präriehunden angefallen werde, kann ich nichts ausrichten, die Freiberger Pferde sind zu schnell und verschwinden mitsamt Reitern und Geiseln im Gehölz, so wie sie gekommen sind.

Es vergeht nicht einmal eine Minute bis klar ist, wofür wir das zu Beginn ausgehändigte Geld benötigen: Um unsere drei Freunde freizukaufen und sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Kurz darauf erscheint das Cowgirl mit den funkelnden Augen erneut am Zug und schlägt uns den Kuhhandel Geld gegen Geiseln vor. Mit zittrigen Händen überreicht Heinz Pauli, unser für solche Krisenfälle ausgebildeter Negotiater, die geforderte Summe, und schon wenige Minuten später erscheinen die Verbrecher mit unseren Theatergspönli. Unversehrt und wohlauf sind sie, und überglücklich schliessen wir sie in unsere Arme. Dasselbe will ich auch mit den zwei aparten Gangsterinnen tun, doch ich kann meine wild-romantischen Gefühle noch knapp im Zaum halten.

Unser Zug setzt sich kurz vor 1 Uhr nachmittags in Bewegung. Die Weiterfahrt verläuft ohne Zwischenfälle. Gegen die Mittagszeit erreichen wir Saignelégier, wo uns ein Reisecar zur Auberge „Le Haneau“ chauffiert. Bei prächtigem Sonnenschein sitzen wir an der frischen Luft und – oh Wunder! – nehmen erneut Verpflegung in Form von Salat, Grilladen und Getränke zu uns.

Kurz nach 15.00 Uhr brechen wir erneut auf. Unser Ziel: Der Mont Chasseral, 1609 Meter über Meer. Unterwegs wird in Villeret Zwischenhalt für die wagemutigen Wanderer unserer Reisegruppe eingelegt, Frauen und Mannen ohne Nerven, die auf Luis Trenkers Spuren den Berg rufen hören, die unter Umständen gewillt sind, sich von Wurzeln und Beeren zu ernähren und in der Freien Natur zu biwakieren, sofern das Wetter umschlägt und ein Weiterkommen verunmöglicht sein sollte.

Die bequemeren Zeitgenossen reisen mit dem Car weiter auf den jurassischen Hausberg, wo sofort und bei schönstem Sonnenschein die Terrasse in Beschlag genommen wird.

Jeanine kämpft mit logistischen Unzulänglichkeiten. Die Zimmerreservation wurde nicht wie geplant vorgenommen, und nun gilt es, trotzdem alle TGFler politisch korrekt in ihre Zimmer einzuteilen. Meinem Scharfsinn ist es zu verdanken, dass Hans und Rösli Bont, beide weit über 80 Jahre alt, die Nacht nicht in einem 20er-Massenschlag mit Heimweh-Pfadis inkl. muffigen Socken verbringen müssen.

Mittlerweise treffen auch unsere Handvoll Wandervögel ein. Peter Kaufmann, Zugführer, erstattet Meldung:

Phase 1: Annäherung an Wanderstrecke durch Tobel. Gelände mittelsteil, In der Gruppe aufgeräumte Stimmung, alle sind beeindruckt von der Natur. Klima: windstill, trocken, kühl. Zeitaufwand: 45 Minuten.

Phase 2: Felsiges Terrain, Steilwand mit lockerem Gestein (Schichtablagerungen aus der Jurafaltung), teilweise überhängende Abschnitte, vorhandene Metalleitern im Fels werden gerne genutzt. Jungspund Silvio Bont löst einen mittleren Steinschlag aus, dem zum Glück niemand zum Opfer fällt. Ein paar Weicheier (Originalton Peter Kaufmann: „Lemminge“) nehmen eine Abkürzung durch das Bachbett. Zeitaufwand: 45 Minuten.

Phase 3: Hochplateau. Steigung mässig, viele Alpweiden, Rind- und andere Viecher. Glücksgefühl und Stolz macht sich innerhalb der Gruppe breit. Die Wanderung wurde unbeschadet und ohne Verlust von Mann und Material bewältigt. Zeitaufwand: 30 Minuten.

Chasseral, gegen 20.00 Uhr

Alle haben sich im Speisesaal eingefunden und freuen sich auf Geschnetzeltes, Fondue und ein paar Flaschen Weissen. Zuerst jedoch müssen einige knifflige Märli-Quizfragen gelöst werden. Arno Baldinger kapituliert bereits bei der ersten Aufgabe: Wie hiessen die Gebrüder Grimm mit Nachnamen? Jeanine wird plötzlich heiser und beschliesst, die Symptome mit viel Alkohol zu bekämpfen. Tschüge, Salomé und ich selbst zeigen uns solidarisch und schenken uns von nun an reinen Wein ein.

Zu vorgerückter Stunde darf Ati eine Geburtstagstorte respektive die darauf platzierten Kerzli ausblasen. Jeanine und Tschüge lösen das Quiz auf, und allerlei hochwertige und einzigartige Sachpreise können an die Gewinner verteilt werden. Von einem Pinsel über eine Taschenlampe und einer Büchse Ravioli ist für jeden etwas Passendes dabei.

Nachdem ein neuer Schlager einstudiert wurde („De cheibe Wiiiiii, de fahrt nöd iiiiii…“), torkeln gegen halb zwei Uhr auch die letzten Mohikaner Richtung Schlafgemach resp. Massenschlag, wo sie bereits von abgestandener Luft und kratzigen Militärwolldecken erwartet werden. Salomé übt im vollbesetzten Schlag noch ein paar Mal ihren Spezialpfiff durch den offenen Mund, danach schlüpfen aber alle in ihre Schlafsäcke, und es wird definitiv ruhig auf dem Mont Chasseral – von ein paar läppischen und zu vernachlässigenden Schnarchgeräuschen abgesehen.

Chasseral, morgens gegen 8.00 Uhr

Die ersten Frühaufsteher trudeln bereits im Esssaal ein und geniessen ein karges, jedoch zweckmässiges Frühstück. Gewissen Teilnehmern ist es anzusehen, dass sie eine kurze Nacht hinter sich haben (ich selber zähle mich dazu). Rund 2,5 Stunden später werden wir wieder von einem Car abgeholt und den Berg hinunter via St-Imier und La Chaux-de-Fonds ins Val de Travers befördert. Unterwegs müssen wir ein paar waghalsige Manöver des Chauffeurs über uns ergehen lassen (Passieren eines anderen Cars auf der ultraschmalen Strasse zum Chasseral, Überfahren eines Rotlichts, Beinahe-Kollision mit einem streunenden Hund), was das Reisegrüppli aber so richtig wach und bei Laune hält.

Val de Travers, Mittagszeit

Unsere Busfahrt endet bei der Asphalt-Mine im Val de Travers, lange Zeit eine der einzigen Mine dieser Art weltweit. Mittlerweile existiert eine zweite Mine dieser Art in Trinidad, und ich beantrage, unseren nächsten Theaterausflug dorthin zu unternehmen. Bevor wir uns aber der Geschichte dieses einzigartigen natürlichen Rohstoffes zuwenden, wird zuerst einmal tüchtig gegessen. Es wird uns Beinschinken, im heissen Asphalt geschmort, serviert. Ich bin von der Garmethode so angetan, dass ich 200 Kilo Asphalt inklusive Bunsenbrenner nach Hause ordere. Von nun an werden alle warmen Speisen (Lammgigot, Heisser Fleischkäse, Frischback-Gipfel, Vanilleglacé mit heissen Beeri) nur noch auf diese Art zubereitet.

Gegen 14.00 Uhr werden wir in zwei Gruppen durch das Museum und die Mine geführt. Meine Kollegen und mich lotst Stéphane, launig und mit Charme und Witz. In teilweise völliger Dunkelheit wird uns Lehrreiches zum Abbau des früher vor allem im Strassenbau eingesetzten Stoffes vermittelt, der mittlerweile jedoch aus Erdöl hergestellt werden kann. Aus diesem Grund wird seit den Achtziger Jahren kein Asphalt mehr gefördert. Als wir wieder ans Tageslicht zurückkehren, ist Margrit Brunold darob so erfreut, dass sie – Papst Johannes Paul II ähnlich – auf allen Vieren den Boden zu küssen beginnt. Böse Zungen behaupten, sie sei über ihre eigenen Füsse gestolpert, doch konnte dieser Verdacht nicht erhärtet werden.

Gruppenfoto in der Mine
Gruppenfoto in der Mine
Gruppenfoto in der Mine

 
Der Nachmittag geht langsam in den Abend über, und es wird allen klar: Unser Wochenendausflug geht langsam aber sicher dem zu Ende. Kurz vor 17.00 Uhr besteigen wir an der kleinen Haltestelle bei der Mine einen Regionalzug Richtung Neuchâtel. Von dort geht die Heimreise nach Zürich weiter. Tschüge wird noch einmal kurz nervös und bangt um die Platzreservationen, doch die Angst ist unbegründet. Jeder findet einen Sitzplatz, und blitzartig wird mit exzessivem Jassen begonnen.

Zürich HB, Sonntag gegen 19.00 Uhr

Müde und mit vielen neuen Eindrücken kehren wir an den Ausgangspunkt unserer Reise zurück. Schön wars. Wir haben viel gesehen. Wir haben viel gegessen. Ein paar wenige haben auch viel getrunken.

Den beiden Organisatoren Jeanine Erni und Jürg Waeber sei ein Kränzchen gewunden, denn sie haben mit Weit- und Umsicht sowie der nötigen Portion Humor den Surprise-Trip geplant und durchgeführt.

Freuen wir uns auf nächstes Jahr im September, wenn Spieler und Helfer unserer Theatergruppe Richtung Trinidad in See stechen werden.

Bis dahin verabschiedet sich, die Tage und Stunden zählend,

Euer Theaterkumpan Alexander „Lex“ Schatt

Fotos