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Die Geschichte der Theatergruppe Friesenberg

1946 wurde die Theatergruppe von Leo Seidl gegründet. Erfahren Sie hier, wie alles begann.

Im Frühjahr 1946 gründete der idealistische Bankangestellte Leo Seidl, zusammen mit seiner Frau Anna, die Theatergruppe Friesenberg. Es entstand nicht etwa ein neuer dramatischer Verein, in dessen Repertoire Zigeuner unschuldige Grafentöchter verschleppten oder ober-bayrische Förster und Wilddiebe um die Wette knallten.

Leo Seidl, Gründer der Theatergruppe Friesenberg.

Leo Seidl, Gründer der Theatergruppe Friesenberg.

Dem kitschigen Rührstück hatte der Regisseur und Charakterdarsteller Leo Seidl, der oft mit Emil Hegetschweiler verglichen wurde, den Kampf angesagt. Statt dessen wollte er gutes, lustiges Volkstheater bieten, dem wir heute noch treu sind. Der Anfang war allerdings nicht gerade ermutigend. Ein Saal stand zwar im Kirchgemeindehaus zur Verfügung, doch fehlte es am Probelokal. In den kleinen Stuben der Mitglieder und sogar in einer Garage musste zunächst geübt werden. Das dauerte bis 1960. Dann konnte man den Schweighofsaal samt Probelokal in Betrieb nehmen. Seit 1993 finden die Aufführungen wieder im neu gestalteten Kirchgemeindesaal statt.

Kehren wir nochmals in das Jahr 1946 zurück. Die erste Vorstellung konnte ausverkauft und eine zweite angesetzt werden. Später gab es bis zu drei Wiederholungen, nebst auswärtigen Gastspielen. Im Laufe der Ära Leo Seidl, sie dauerte bis zu seinem Tode im Jahre 1969, sind 26 abendfüllende Dialektstücke, darunter einige Uraufführungen über die Friesenberger Bühne gegangen. Bis weit über die Quartiergrenzen hinaus bekam die Theatergruppe Friesenberg einen beachtlichen Ruf. Leider wurde nach seinem Tode kein Nachfolger gefunden und damit ruhte der Spielbetrieb für eine längere Zeit.

Doch die Liebe zum Volkstheater blieb in den Schauspielern haften. Am 12. März 1976 wurde die Theatergruppe Friesenberg durch die Initianten Hans Bont, Gusti Kopp und Walter Schmid wieder neu ins Leben gerufen. Wie vor 30 Jahren war der Start keine Leichtigkeit. Es musste mit vereinten Kräften am gleichen Strick gezogen werden. Doch was man mit Liebe tut, hat Erfolg. Am 27. Januar 1979 hiess es Vorhang auf für die Uraufführung des Stücks «Pension Seeblick». Der Erfolg war gross. Das treue Publikum hatte die guten Leistungen der Friesenbergler nicht vergessen. Somit hatte das Quartier seine eigene Theaterkultur wieder gefunden, die bis heute bestehen bleibt.

1992 führte Edi Huber das erste Mal Regie bei der Theatergruppe Friesenberg. Danach inszenierte er von 1995 bis 2015 jedes Jahr ein Theaterstück mit dem Verein, formte und forderte die Amateurschauspieler und trieb sie zu Höchstleistungen an. Damit verschaffte er der Theatergruppe den Namen und Erfolg, den sie heute geniessen darf. Sein sicheres Gespür für Humor, seine strikte Forderung nach natürlichem Spielen und auch seine an Sturheit grenzende Aversion gegen Falschbetonungen sind in den vergangenen Jahren auf die Schauspieler übergegangen und haben diese grossen Erfolge erst möglich gemacht. Aus Altersgründen trat Edi Huber mit 88 Jahren an der Derniere vom 28. März 2015 zurück.

Seit Jahren nun darf sich die Theatergruppe Friesenberg auf ein treues Stammpublikum verlassen, welches mit jedem Jahr mehr Theaterfreunde für sich gewinnt. Das zeigt sich auch in der Anzahl der Aufführungen. Waren es im Jahr 2000 noch deren neun, so zählen heute bereits 14 Aufführungen fest zum Programm und ermöglichen 3000 Besuchern, unseren Aufführungen beizuwohnen. Auch die Anzahl der Aufführungen mit dem beliebten Spaghettiplausch, Musik und Tanz wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert. Rund 75 Mitglieder und Helfer sind mit viel Herzblut und Freude dabei, wenn es darum geht, Jahr für Jahr wieder eine erfolgreiche Theatersaison auf die Beine zu stellen.

Unsere Besucher kommen mittlerweile aus über 16 Kantonen. Damit hat die Theatergruppe Friesenberg heute weit über die Quartiergrenzen hinaus einen Platz eingenommen der verpflichtet, gutes Volkstheater zu bieten. Wir stellen uns gerne dieser Aufgabe und hoffen, dass wir noch viele Jahre all unseren Theaterfreunden gute Unterhaltung und einen vergnügten Theaterbesuch bieten können.

Erinnerungen von Leo Seidl

Die folgende Schilderung wurde von Leo Seidl (* 27. Januar 1906; † 11. Februar 1969), dem Gründer der Theatergruppe Friesenberg, verfasst.
 

Kaufmännische Lehre

Einem gütigen Geschick und einer sehr energischen, unternehmungslustigen Mutter, die schon in jungen Jahren Witfrau geworden war, verdanke ich es, dass ich gleich nach der Schulzeit den heimatlichen Boden mit dem tropischen Brasilien vertauschen durfte. Besagte energische Mutter steckte mich dort kurzerhand nach der Ankunft und ohne viel Federlesen in eine kaufmännische Lehre in einem Eisenwaren- und Haushaltgeschäft. Nun muss man wissen, dass der Süden Brasiliens hauptsächlich von ehemaligen Deutschen, Schweizern und deutschsprachigen Polen besiedelt ist, was wiederum mit sich brachte, dass zur damaligen Zeit auf der Strasse, in den Schulen und Kirchen vorwiegend deutsch gesprochen wurden.

So stand ich denn schon nach wenigen Tagen Aufenthalt, zwar noch etwas zaghaft, hinter dem Ladentisch des Herrn Reichlinger und verkaufte den Kolonisten, die jeweils an den Markttagen mit ihren Planwagen von weit her gefahren kamen, Nägel, Schrauben und Kaffeetassen.

Im Hintergrund des Ladens, durch eine Glaswand abgetrennt, sass Senhor Reichlinger mit gesträubtem Haarschopf und überwachte uns zwei Lehrlinge – andere Angestellte gab es nicht in seinem Laden – mit Sperberaugen. Er war aber auch sogleich zur Stelle, wenn irgendein Geschäft nicht klappen wollte oder wenn wir Lehrlinge zu wenig Bescheid wussten. Unser Chef, Reichlinger, verfügte über ein wohlklingendes, weithin tragendes Organ. Wenn er sprach, so zirpten im Laden sogar leise die Glasvasen und Schalen mit. Es machte mir immer einen Heidenspass, dies zu beobachten.

Reichlinger war früher einmal Schauspieler gewesen, drüben in Deutschland. Die Inflation und Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg schwemmten ihn dann übers Meer nach Brasilien, wo er, wie so viele andere, sich eine neue Existenz aufbaute. Natürlich war es mit dem Schauspielerberuf vorbei, aber auch als Ladenbesitzer war ihm die fanatische Liebe zu allem, was Theater heisst, geblieben. Kein Wunder also, dass, kaum hatte er sich durch einen Laden wieder eine feste Grundlage geschaffen, er auch einen Theaterverein gründete. Dank Reichlingers Begabung als Regisseur und als Spieler erfreute sich diese Volksbühne bald eines aussergewöhnlichen Zulaufs.

Es stand in den Sternen geschrieben, dass ich als der direkt Untergebene des Herrn Reichlinger früher oder später ebenfalls Bekanntschaft mit besagtem Theaterverein machen würde.

Die erste Theaterrolle
Bild mit Leo Seidl

Szene aus dem Stück „Der Einzelgänger“ (1954). Von links: Leo Seidl, Martin Seidl (sein Sohn) und Martha Schmid.

Eines Abends, ich hatte eben das Vorhängeschloss an die Ladentür gehängt, rief mich der alte Reichlinger in sein Refugium hinter die Fensterwand. Geschah dies tagsüber, so wussten wir, dass auf einem Kassazettel wieder einmal Zahlen standen, die kein Mensch, nicht einmal der Reichlinger lesen konnte. Nun, neugierig stand ich mit meinen sechzehn Jahren neben dem Allgewaltigen, der sich sehr umständlich eine lange, schwarze Brasilzigarre anzündete. „Hör mal, mein Junge, hör mal ganz genau zu. Ich habe da im Theaterverein ein Stück zum Einstudieren, in dem ich so einen Lausejungen wie dich gut verwenden könnte. Sag’s deiner Mutter, und komm morgen Abend zur Probe, aber studiere mir den Text vorher genau.“ Komisch, wenn der Reichlinger vom Theater sprach, so war er gar nicht mehr derselbe Reichlinger, der, über seine Kontobücher gebeugt, uns im Laden beobachtete.

So kam ich zu meiner ersten Theaterrolle. Voll Stolz schmetterte ich am nächsten Abend meine wenigen Sätze in den leeren Saal, in dem geprobt wurde. Reichlinger lauschte, beobachtete und korrigierte, und seinen Anordnungen und Ratschlägen folgte das ganze Ensemble widerspruchslos, denn Reichlinger verstand es, jeden Einzelnen zu leiten und genau dorthinzubringen, wo er richtig stand. In der Verschnaufpause hoffte ich zumindest ein Lob für meine gute Leistung einzuheimsen, aber das Gegenteil geschah. Der wohlbekannte Bass von Vater Reichlinger, wie ihn hier alle nannten, tönte plötzlich aus dem Hintergrund: „Hör mal, Schweizer, die Sache ist ja recht und gut; aber ich muss dir erst mal deine Zunge lösen, du spricht ja alles hinten im Hals. Morgen Abend kommst du zu mir zum Nachtessen, und nachher fangen wir an mit Sprachübungen.“ Als er mein betretenes und enttäuschtes Gesicht sah, klopfte er mir auf die Achseln und sagte: „Na ja, ist schon gut, mein Bürschchen, das kriegen wir ja schon noch hin, hab keinen Kummer“, und schon ging die Probe weiter.

So ging ich denn zweimal in der Woche zum Nachtessen und zu phonetischen Übungen zur Familie Reichlinger. Meiner Mutter passte dies zwar ganz und gar nicht. Des Öfteren seufzte sie, ihre Rösti wäre wohl nicht mehr gut genug, auch schimpfte sie über mein lautes Organ, das durch alle Zimmer schalle, obschon ich auf dem Dachboden übte. Überhaupt das „chaibe Schwöbele“ passte ihr dann in ihrem Haus ganz und gar nicht.

Nun, der Funken war entzündet, und mit jeder neuen Rolle, die mir Vater Reichlinger gab, wuchs die Begeisterung.

Der Theaterverein verfügte über eine schöne, geräumige Bühne, und das Repertoire war denkbar, abwechslungsreich. Von „Nora“, „die Gespenster“, „Baumeister Solness“, über „die Kraft“, „Maria Magdalena“ und „Agnes Bergnauer“ reichte der Bogen bis hinüber zur „Grille“ von Charlotte Birch-Pfeiffer und zu Nestroy. Pro Jahr mussten mindestens fünf bis sechs Stücke über die Bretter gehen. Für einen Theaterverein, dessen Spieler alle einen bürgerlichen Beruf hatten und nur in den Abendstunden zur Probe gehen konnten, verlangte Vater Reichlinger ein enormes Pensum an Proben. Er selbst war aber auch unermüdlich mit guten Ratschlägen und Hinweisen zur Hand. Ich glaube, ich habe in meiner Anfangszeit mehr aus Mutter Reichlingers Töpfen gegessen, als meiner Mutter lieb gewesen ist.

Reichlingers grösster Traum war, einmal den „Faust“ aufzuführen. War er bei den Proben oder bei unseren Zusammenkünften guter Stimmung, so rezitierte er immer aus seinem „Faust“. Ein Höhepunkt war jeweils der „Prolog im Himmel“. Noch heute habe ich seine Stimme im Ohr:

„Und alle deinen hohen Werke
sind herrlich wie am ersten Tag.“

Gastspiel im Urwald

Hatten wir ein Stück auf unserer Bühne gespielt, dann packten wir am nächsten Samstag Kulissen, Requisiten und Spieler zusammen auf zwei Ford-Lastwägelchen, die uns ein begeistertes Mitglied überliess (unter uns gesagt, es waren die zwei einzigen Lastautos, die es damals im Städtchen gab), und fuhren los auf Gastspiel in den Urwald, oder wenigstens an den Rand desselben.

Die Gebrüder Hermanos, zwei findige Kolonisten, hatten neben ihrer Venda – das heisst Kaufladen, in dem einfach alles zu haben war, was man an diesem Ende der Welt dringend gebrauchte – einen Lagerschuppen gebaut. Diesem Schuppen angefügt war eine Bühne. Dieser Theatersaal war das Ziel unserer langen, vielstündigen Reise. Je mehr wir „durchrumpelt“ wurden, desto fröhlicher ging es zu und her. Da im Innern Brasiliens keine Brücken gebaut werden, führte unser Weg mehrmals durch Flüsse; das heisst, die Strasse ging einfach an der flachsten Stelle des Flussbettes hinab, und mit ein paar tüchtigen Spritzern und Gekreisch fuhr man auf der anderen Seite wieder hinauf. Für was auch den Luxus von Brücken, wenn es auch so ging!

Ordentlich durchrüttelt und geschüttelt langten wir dann endlich bei den Hermanos an. Hier herrschte bereits Hochbetrieb. Aus allen Richtungen der Windrose und aus der hintersten Ecke kamen die Kolonisten, um wieder einmal ein Stücklein Kultur zu sehen und zu erleben.

Diese Gelegenheit wurde zugleich zu einem kleinen Markttag, an dem Kleinvieh gekauft und getauscht wurde. Mit riesigem Hallo wurden unsere staubbedeckten und verspritzten Wagen begrüsst. Der „Theatersaal“ war schon eingerichtet; das heisst, die eingelagerten Kaffee- und Mehlsäcke, und was etwa sonst noch im Wege stand, wurden an die beiden Seiten geräumt und in die Mitte einfach Bänke und Stühle gestellt. Die Jungmannschaft sass auf den aufgetürmten Kaffeesäcken in der „Proszeniumsloge“.

Elektrisches Licht gab es hier draussen natürlich keines. Von der Decke aus Wellblech hingen ein paar Petroleumlampen und gaben genügend hell, damit Alt und Jung sich nach langer Zeit wieder einmal begrüssen konnte. Hier draussen ist man ja Nachbar, selbst wenn zehn Kilometer Distanz zwischen den Ansiedlungen liegen.

Unser kundiger Bühnenmeister – und wer von den Spielern nicht gerade am Schminken war – hatte indessen die Bühne eingerichtet. Auch hier gab es nur Petroleumlicht. An der Rampe flackerten hinter kleinen Blech-Reflektoren Wachskerzen. Diese waren unseres Requisitenmeisters grösste Sorge. Kaum war jeweils der Vorhang gefallen, rannte er wie der leibhaftige „Gottseibeiuns“, um die gefährlichen Lichtquellen auszublasen was natürlich wieder bedingte, dass das kleine, bucklige Männchen vor jedem Aktbeginn zuerst die Kerzen wieder anstecken musste. Wehe, wenn dies einmal übersehen wurde – da konnte Vater Reichlinger teufelswild werden. Er, der sonst die Güte selber war, hatte auf der Bühne nur eine einzige Devise: Disziplin!

War ein Gewitter im Anzug, so musste mitten im Akt an der nächst passenden Stelle unterbrochen werden; denn der Regen prasselte derart heftig auf das Wellblechdach, dass man selbst Reichlinger, den Allgewaltigen, in der ersten Reihe schon nicht mehr verstand. Das tat aber dem Ganzen keinen Abbruch, nach einer halben Stunde fuhr man einfach weiter.

Ich habe in meinen späteren Jahren nie mehr ein dankbareres Publikum angetroffen als diese Kolonisten am Rande des Urwaldes. Bienenhonig und was sie sonst noch so hatten an landwirtschaftlichen Produkten brachten sie für uns Spieler mit. Es war immer ein Abschied wie von lieben Verwandten, wenn wir am Sonntag früh wieder in unsere zwei Ford-Wagen stiegen.

Einmal brachte ich meiner Mutter für ihre verwaisten Hennen einen grossen Hahn mit, den die ganze Spielerschar beim ersten Flussübergang mit grossem Hallo auf den Namen Romeo taufte.

Allerdings – und das ist uns mehrmals passiert – konnte man an diesen Flussübergängen in die Mausefallen geraten: Kam ein Wolkenbruch – in den Tropen ist dies ja nichts Ausserordentliches –, so schwoll der Fluss innert Minuten hoch an, und man musste sich lange gedulden, bis sich die gelbe Flut wieder besänftigt hatte und man mehr oder weniger trocken hindurchfahren konnte. Das dauerte oft zwei Tage; wir kehrten dann jeweils wieder um und schliefen im Lagerschuppen, lies: Theatersaal, auf Don Hermanos Mehlsäcken. Für mein Teil war das kein sehr kompliziertes Problem, denn Vater Reichlinger war ja zugleich mein Brotgeber – ich hatte längst die „Stiftenzeit“ hinter mir und sass beim Herrn Reichlinger in seinem Laden hinter der Glaswand bei den Kontobüchern.

Für die übrige Spielerschar aber war es sehr oft ärgerlich, für zwei Tage ein Alibi zu beschaffen. Doch Vater Reichlinger brachte das jeweils persönlich in Ordnung. Für seine Volksbühne wäre er nicht nur durch Wasser, sondern auch durch Feuer gegangen. Solch unfreiwillige Aufenthalte benutzte er dann meistens, um entweder aus dem „Faust“ zu rezitieren oder vorzulesen oder um gleich mit einem neuen Stück Sprech- oder Stellproben zu veranstalten. Ich erinnere mich gut, wie ich mehr als ein Dutzend Mal zwischen Hermanos Mehlsäcken hervor – wir übten gerade Ibsens „Gespenster“ ein – den Schlusssatz wiederholten musste: „Mutter gib mir die Sonne!“ – Bis es unserem Allgewaltigen gefiel, musste einfach alles wiederholt werden, er kannte keine Kompromisse.

Nun als die Sonne dann endlich kam und der Fluss zurückging, fuhren wir los, kamen auch leidlich trocken durch den ziemlich hochgehenden Fluss. Plötzlich wurde Vater Reichlinger vermisst. War er in den Fluss gefallen? Keiner hatte ihn gesehen, neben keinem hatte er gesessen. Also wieder zurück durch den Fluss! Nach mehr als einer Stunde langten wir bei den Hermanos wieder an. Kein Reichlinger war zu sehen! Nochmals hinauf auf die Bühne – nichts! Da, als wir schon den Schuppen verlassen wollten, kam ein Gähnen hinter den Kaffeesäcken hervor: „Ja, Kinder, wollen wir nicht endlich losfahren?“ Der alte Reichlinger hatte geschlafen, dieweil wir bereits schon eine Stunde heimwärtsfuhren.

Guter Vater Reichlinger – längst schon wispern und rauschen über deinem Grabe die Palmen im Wind. Ich selbst habe meine Zelte wieder in der Heimat aufgeschlagen, aber dem alten Reichlinger danke ich es, dass er in mir schon in jungen Jahren die Flamme der Begeisterung zum Volkstheater angefacht hat. Sie wird in mir brennen bis zum Tage, da ich dereinst am dunklen Fluss den Nachen besteige, der mich zum lichten Ufer bringt.

Der Fährmann Charon möge dann die abgebrannte Fackel in den dunklen Fluss tauchen. Drüben aber auf der breiten Treppe, die zum Lichte führt, wird mein alter Reichlinger stehen und den Lobgesang sprechen:

„Und alle deinen hohen Werke
sind herrlich wie am ersten Tag.“

Erinnerungen von Walter Schmid

Die folgende Schilderung wurde von Walter Schmid – 1976 bis 1986 Präsident der Theatergruppe Friesenberg – verfasst.
 

Der zweite Weltkrieg war zu Ende. Seit ein paar Monaten schwiegen die Waffen. Die Menschheit konnte wieder aufatmen und sich schöneren Dingen zuwenden. So auch in der Schweiz und vor allem in unserem schönen Quartier am Fusse des Uetlibergs.

Oktober 1953: Walter und Martha Schmid

Oktober 1953: Walter und Martha Schmid.

In diesem Quartier wohnte auch die Familie Seidl. Deren Oberhaupt Leo und seine Gattin Anna waren vom Theaterspielen arg besessen.

Beide waren schon Mitglieder im Dramatischen Verein Zürich, jenem Verein, dem auch der legendäre Beck Zürrer, alias Emil Hegetschweiler angehörte. Leo Seidl strebte jedoch nach Höherem. Er wollte im Friesenberg seine eigene Theatergruppe aufbauen. Die aufstrebende Familienheim-Genossenschaft barg viele Mieterinnen und Mieter, die gerne einmal in einer Theaterrolle auf der Bühne stehen wollten. Leo Seidl, der gleichzeitig Spieler, Spielleiter, Bühnenbildner, Theatercoiffeur und Textbearbeiter war, brachte schon beim ersten Versuch ein Stück auf die Bühne des reformierten Kirchgemeindesaals, das beim zahlreich anwesenden Publikum auf volle Zustimmung stiess. Dieser Erfolg des initiativen und rührigen Leo spornte ihn noch mehr an. So wurde im gleichen Jahr, 1946, der Dreiakter „S‘Mündel“ einstudiert und gleich mit drei Aufführungen unserem Publikum präsentiert.

Über die Benützung des Kirchgemeindesaales musste jeweils mit der Kirchenpflege verhandelt werden. Das ging nicht immer leicht vonstatten. Weil die geplante Kirche noch nicht fertig war, fanden die Gottesdienste am Sonntag in jenem Saal statt. Damit wurde dem Saal eine bestimmte sakrale Bedeutung zugemessen. Die Kirchenpflege wollte deshalb Einsicht in die Textbüchlein nehmen.

Sätze oder Satzteile, die in irgendeiner Form religiöse Gefühle eines Kirchenpflegers tangierten, mussten abgeändert oder herausgestrichen werden. Das erschwerte natürlich auch die Auswahl der Stücke, die wir aufführen wollten. Ein Umstand kam uns aber dabei sehr gelegen: Den Reinerlös unserer Aufführungen stellten wir immer einer wohltätigen Institution zur Verfügung, was die Pflegemitglieder oft versöhnlich stimmte.

Weil uns noch kein Probelokal zur Verfügung stand, wurde wechselweise bei einem Mitglied in dessen Wohnung geprobt. Wohnzimmer wurden umgestellt und zur Bühne umfunktioniert. Die eigenen Kinder wollten sich natürlich diesen Spass nicht entgehen lassen und setzten sich still in eine Ecke, um mit grosser Aufmerksamkeit das Geschehen zu verfolgen.

Die spätere Erinnerung meiner damals ca. 8-jährigen Tochter Elisabeth gibt einen Einblick in die damalige Situation der Theatergruppe:

Wenn bei uns in der Stube Theaterprobe war, durfte ich immer etwas länger aufbleiben. Mucksmäuschenstill sass ich in der Ecke und schaute fasziniert zu, wie die einzelnen Szenen entstanden und langsam zu einer ganzen Geschichte zusammenwuchsen. Schon nach kurzer Zeit kannte ich alle Texte auswendig, und wir Kinder machten uns jeweils einen Spass daraus, uns gegenseitig das ganze Stück innert kürzester Zeit aufzusagen.

Ende der vierziger Jahre, in den Anfängen der Theatergruppe Friesenberg, musste vieles noch improvisiert werden. Die Begeisterung fürs Spielen war zwar gross, Geld jedoch war keines vorhanden. Wer dabei sein wollte, musste nicht nur seine Texte büffeln, sondern auch „Opfer“ bringen: Weil wir die Bühne jeweils erst kurz vor der Premiere benützen durften, mussten die Wohnstuben als Probelokale dienen.

Auch die Möbel, die für das Stück gebraucht wurden, stammten aus Privatbesitz: Der eine gab vorübergehend sein Sofa her, die andere verzichtete für ein paar Wochen aufs Stubenbuffet. Und ins Kirchgemeindehaus transportiert wurde alles mit einem gewöhnlichen Leiterwägeli, in den Wintermonaten sogar mit einem Schlitten! Stühle und Tische, Geschirr und Blumenvasen, Bilder, Spiegel und Pflanzen – alles wurde von den Spielerinnen und Spielern herangekarrt.

Aber immer rechtzeitig auf die Premiere war alles fixfertig parat, die Texte sassen (fast immer). Hin und wieder gab es sogar einen Auftritt für ein Kind: Ich war furchtbar stolz, als ich als Erstklässlerin im Stück „E gfreuti Abrächnig“ beim Konditor Süessli Guetzli holen durfte – „aber nu vo de billige, mir händ Bsuech!“